Nachhaltig handeln: Warum es oft scheitert – und wie es trotzdem klappt

Viele Menschen möchten nachhaltiger leben – doch im Alltag scheitern gute Vorsätze schnell. Das Bio‑Gemüse bleibt liegen, wir greifen zur Plastiktüte, und der Weg ins Büro wird doch wieder mit dem Auto zurückgelegt. Warum ist das so? Und wie gelingt der Einstieg trotzdem? Darüber haben wir mit Prof. Dr. Jana Werg, Umweltpsychologin und Expertin für nachhaltiges Verhalten, gesprochen.


Prof. Dr. Jana Werg lehrt Allgemeine Betriebswirtschaftslehre/Management und Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Sie ist zudem Vorstandsmitglied der e‑fect dialog evaluation consulting eG, einer Genossenschaft für Nachhaltigkeitsdienstleistungen. Ihr Forschungsschwerpunkt: psychologische und soziale Faktoren nachhaltigen Handelns – insbesondere in den Bereichen Konsum, Mobilität und Wohnen.
Frau Dr. Werg, warum fällt uns nachhaltiges Handeln oft so schwer?
Jana Werg: Da gibt es verschiedene Gründe. Zum einen spielt natürlich der Preis eine große Rolle. Wenn zum Beispiel das Biogemüse sehr viel teurer ist als das konventionelle daneben, überlegen viele verständlicherweise nochmal, ob sie zum Bioprodukt greifen. Zudem ist es auch eine Frage des Angebots. Wie leicht oder aufwändig ist es, nachhaltigere Varianten zu organisieren? Wenn der nächste Supermarkt oder Bioladen um die Ecke ist oder ich mit wenigen Klicks zu Ökostrom wechseln kann, fällt uns nachhaltiges Handeln deutlich leichter. Oft zweifeln wir auch daran, ob der eigene Beitrag überhaupt etwas bewirkt. Und wenn ich das Gefühl habe, dass mein Handeln kaum einen Unterschied macht, dann lass ich es eher sein.
Welche Rolle spielen Freunde und Familie?
Jana Werg: Das soziale Umfeld hat immer einen großen Einfluss. Wir hören auf Empfehlungen von Freunden, Familie oder Sozialen Medien. Je mehr Leute aus dem Umfeld nachhaltig handeln und entsprechende Tipps geben, desto eher machen wir mit.
E-Auto, Balkonkraftwerk, Ökostrom – gibt es beim Thema klimafreundliche Energien nochmal andere psychologische Faktoren für oder gegen nachhaltiges Handeln?
Jana Werg: Im Wesentlichen sind es ähnliche Faktoren. Das Umfeld spielt hier teilweise sogar eine noch bedeutendere Rolle. Je mehr Solaranlagen oder E-Autos ich in der Nachbarschaft sehe, desto eher halte ich das für den Normalzustand und möchte dazugehören. Beim Kauf eines E-Autos kann zudem auch der Prestigegedanke mit ausschlaggebend sein.
Gerade im Bereich der erneuerbaren Energien sind oft zudem wirtschaftliche Motive entscheidend. Wer eigenen Strom produziert, kann Kosten sparen und sich unabhängiger vom Stromanbieter machen. Mit einem gut gedämmten Haus reduziert man Heizkosten und steigert oft den Wohnkomfort. Wenn eine solche Kombination an Motiven am Ende dem Klimaschutz hilft, ist das doch prima.
Können Sie uns einfache Tricks verraten, wie man mit Nachhaltigkeit im Alltag anfangen kann?
Werg: Ein Knackpunkt ist die Planung. Sich einfach vorzunehmen, nachhaltiger zu handeln, ist nicht konkret genug. Wenn wir aber einen echten Plan daraus machen, wird es einfacher. Wann, wo und wie will ich etwas tun? Wenn wir das klar für uns festlegen, wird nachhaltiges Handeln viel wahrscheinlicher: Ich suche mir zum Beispiel leckere vegetarische Rezepte, erstelle einen Wochenplan und kaufe gezielt dafür ein.
Ich kann mir auch vornehmen, eine meiner bestehenden Routinen im Alltag mit einer neuen nachhaltigen zu verknüpfen. So kann ich zum Beispiel beim Wocheneinkauf immer ein Produkt durch eine Biovariante ersetzen.
Daneben kann man auch so genannte Gelegenheitsfenster nutzen – also Momente, in denen Veränderungen anstehen und weitere Veränderungen dadurch leichter fallen: Ich wechsle den Arbeitgeber und kann das zum Anlass nehmen, auf Bus und Bahn umzusteigen. Ich ziehe um und wechsle zu einem Ökostromanbieter. In Gelegenheitsfenstern entstehen neue Routinen und diese Chance kann man nutzen, gleich die nachhaltigere Routine zu erproben.
Nachhaltig handeln und Geld sparen
- Nachhaltigkeit muss nicht teurer sein. Oft ist sogar das Gegenteil der Fall:
- Second‑Hand oder Refurbished-Produkte sind günstiger als Neuware.
- Leihen statt kaufen spart Geld und Ressourcen.
- Bio‑Produkte gibt es auch beim Discounter.
- Energieeffiziente Geräte zahlen sich schnell durch geringeren Verbrauch und langlebige Kleidung durch längere Nutzung aus.
Mach es wie Astrid 💡


Nachdem ich mir vergangenes Jahr für ein paar Tage ein E-Auto geliehen habe, kann ich mir gut vorstellen, dem Verbrenner demnächst bye bye zu sagen. Viele meiner ersten Vorbehalte zum E-Auto es sei ‚zu kompliziert‘, ‚zu schlechte Infrastruktur‘, ‚zu viel Planung‘ waren unbegründet. Elektromobilität ist definitiv praxistauglich.1“
Astrid Drechsel-Grau, Chief Strategy & Engagement Officer bei Consors Finanz
Wenn man jetzt vielleicht selbst etwas im Alltag erfolgreich ändern konnte – wie gelingt es, auch andere mit nachhaltigem Handeln anzustecken?
Jana Werg: Am besten ist es, einfach selbst Initiative zu ergreifen. Dadurch kann man zum einen zeigen, dass nachhaltig Handeln nicht schwer sein muss.2 Und zum anderen ändert man im besten Fall sogar direkt etwas für das eigene Umfeld. Ein Beispiel ist etwa das WG-Mitglied, dass sich ohne große Worte um den Wechsel des Stromanbieters kümmert. Oder der Kollege, der sich für vegane Gerichte auf die Kantinenspeisekarte einsetzt. Oder die Nachbarin, die einen Kleidertausch im Viertel organisiert.
In Gesprächen gilt: Weniger belehren, sondern lieber mit einem guten Vorteilsmix überzeugen. Statt also zu dozieren, dass Radfahren das Klima weniger belastet, betont man, dass man sich selbst auch fitter fühlt, seit man mit dem E-Bike zur Arbeit fährt. Seit man auf Fleisch verzichtet, nimmt man leichter ab. Und weil man wiederaufbereitete Hardware kauft, spart man einiges.
Verantwortungsvoll handeln. Klar! Oder?
- Das aktuelle Konsumbarometer von Consors Finanz zeigt, dass gute Vorsätze im Alltag immer wieder auf der Strecke bleiben.
- Auch in Sachen Mobilität zeigt sich ein Unterschied zwischen Wollen und Machen. So kauft die junge Generation nach den Ergebnissen des aktuellen Autobarometers trotz ihres ausgeprägten ökologischen Bewusstseins mehrheitlich noch lieber Benziner oder Diesel. Was die jungen Erwachsenen vom E-Auto fernhält, ist in erster Linie die Sorge, zu unflexibel auf den Strecken zu sein und Probleme beim Laden zu bekommen.
Hinweise
- 1
Hier könnt ihr mehr über Astrids E-Auto-Test erfahren: Mit dem E-Auto aufs Land: Entspannt unterwegs dank Supercharger
- 2
Hier geht’s zu einem Artikel auf unserem Blog, in dem wir einfache, inspirierende Ökoprojekte gesammelt haben, die sich direkt umsetzen lassen.
