Eigenes Gehalt, trotzdem abhängig: Wie Frauen in Deutschland wirklich mit Geld umgehen
Neue Consors Finanz Studie zeigt: Jede sechste berufstätige Frau fühlt sich trotz eigenem Einkommen finanziell nicht frei.
14. April 2026
Wer ein eigenes Einkommen hat, ist finanziell unabhängig – so lautet die gängige Annahme. Die Realität vieler Frauen in Deutschland sieht dennoch anders aus. 16,3 Prozent von ihnen verdienen eigenes Geld und fühlen sich trotzdem nicht finanziell frei. Eine neue Studie von Consors Finanz belegt dies und zeigt: Finanzielle Selbstbestimmung scheitert in Deutschland nicht am Einkommen allein, sondern an fehlender Absicherung, Wissenslücken und einem gefühlten gesellschaftlichen Stigma, das offene Gespräche über Geld bis heute hemmt.
Knapp jede vierte Frau (24,8 Prozent) gibt an, dass ihre finanzielle Situation sie belastet – bei Männern sind es 18,6 Prozent. Besonders unter Druck stehen junge Frauen im Alter von 18 bis 29 Jahren mit 32,7 Prozent. Auch die Gruppe der 30- bis 39-Jährigen fühlt sich durch ihre finanzielle Lage überfordert (27,9 Prozent). Letztere Gruppe stemmt häufig gleichzeitig Familienaufbau, steigende Lebenshaltungskosten und erste größere Investitionsentscheidungen. Dieser Spagat schlägt sich in konkreten Zahlen nieder: Mit 13 Prozent greifen die 30- bis 39-jährigen Frauen am häufigsten regelmäßig auf den Dispokredit zurück.
Astrid Drechsel-Grau, Chief Strategy & Engagement Officer bei Consors Finanz
klärt auf: „Finanzierungen wie Dispokredit oder Kreditkarte sollten nur in seltenen Ausnahmefällen als finanzielle Überbrückung genutzt werden, da die hohen Zinsen rasch in eine Schuldenfalle führen können. Ein Ratenkredit ist häufig günstiger und ermöglicht eine besser planbare Rückzahlung.“
Aufschieben als Strategie
Warum fühlen sich so viele Frauen finanziell unsicher? Ein zentrales Ergebnis der Studie: Viele Frauen meiden Finanzthemen aktiv. Knapp jede Sechste (16,6 Prozent) der befragten Frauen schiebt Vorsorge, Geldanlage oder Steuerfragen häufig oder sehr häufig vor sich her. Bei jungen Frauen zwischen 18 und 29 Jahren ist dieses Muster besonders ausgeprägt: mehr als jede Dritte (37,1 Prozent) tut dies regelmäßig. Gleichzeitig geben 22,8 Prozent dieser Gruppe an, sich bei Finanzthemen unsicher zu fühlen und sich klare Schritt-für-Schritt-Anleitungen zu wünschen.
Astrid Drechsel-Grau ordnet die Ergebnisse ein: „Unsere Studie zeigt: Junge Frauen meiden Finanzthemen nicht aus Desinteresse, sondern aus Unsicherheit. Mehr als jede Dritte schiebt Finanzentscheidungen regelmäßig auf – genau in der Lebensphase, in der sie langfristig am meisten bewirken. Das ist ein klarer Auftrag an uns als Branche: einfacher, klarer und relevanter zu kommunizieren.“
Der Notgroschen fehlt
Nur 38,9 Prozent aller befragten Frauen haben einen finanziellen Puffer für unvorhergesehene Ausgaben angelegt. 33,1 Prozent machen sich regelmäßig Gedanken über unerwartete Ereignisse, die sie in Schwierigkeiten bringen könnten. Doch nur 18 Prozent wissen, was bei einem finanziellen Engpass zu tun ist.
Besonders hart trifft es einkommensschwächere Haushalte: Bei einem monatlichen Nettoeinkommen unter 1.000 Euro haben lediglich 13 Prozent aller befragten Personen einen Notgroschen gebildet und nur 9,8 Prozent dieser Gruppe wüssten bei einem finanziellen Engpass sofort, was zu tun ist. Da Frauen häufiger in Teilzeit arbeiten, durch die Gender Pay Gap oft schlechter als Männer bezahlt werden und öfter Erwerbsunterbrechungen unterliegen, sind sie von dieser Absicherungslücke überproportional stark betroffen.
Digitale Tools und Kredite kaum genutzt
Es gäbe Wege aus dieser Lücke, die laut Studie aber selten gegangen werden. Während unter den Männern 19,9 Prozent digitale Apps oder Plattformen nutzen, um ihre Finanzen zu verwalten, sind es unter den Frauen gerade einmal 12,4 Prozent. Dabei könnten genau diese Anwendungen Frauen einen niedrigschwelligen, flexiblen Einstieg in komplexe Finanzthemen bieten. Die Studie zeigt: in der Gruppe der 18- bis 29-jährigen Frauen ist die Nutzung mit 18,4 Prozent noch am höchsten – mit dem Alter nimmt die Nutzung ab.
Kredite und Ratenzahlungen werden von der Gesamtbevölkerung – sowohl in der Gruppe der Männer als auch in der Gruppe der Frauen – allen voran für klassische Anschaffungen in Betracht gezogen: Autokauf (33,8 Prozent) sowie Immobilien und Renovierungen (32,6 Prozent) führen die Liste an. Investitionen in die eigene Selbstständigkeit (11,7 Prozent) oder in Aus- und Weiterbildung (8,7 Prozent) spielen weniger eine Rolle, obwohl gerade diese Bereiche langfristig wirtschaftliche Unabhängigkeit stärken.
„Wir lassen heute zentrale Hebel liegen: Digitale Tools könnten den einfachen Einstieg in Finanzthemen bieten. Sie werden aber zu selten genutzt. Und Kredite werden meist als Konsumhilfe verstanden und nicht als Investition in Qualifikation und Unabhängigkeit“, sagt Astrid Drechsel-Grau.
Scham macht stumm
Offen über finanzielle Probleme im eigenen Umfeld zu sprechen, fällt 28,2 Prozent der Frauen schwer. Ein Viertel der befragten Frauen (24,1 Prozent) gibt an, sich sogar zu schämen, wenn sie Ratenkäufe tätigen oder ihr Konto überziehen. Gleichzeitig betrachten 30,6 Prozent der Frauen einen Kredit als normales Planungswerkzeug, sofern Konditionen transparent sind und die Rate ins Budget passt.
Astrid Drechsel-Grau: „Offen über Geld zu sprechen lohnt sich im privaten Umfeld und insbesondere in der Partnerschaft. Es schafft Wissen, erhöht die Entscheidungssicherheit und macht unabhängiger. Wer Fragen stellt, Begriffe versteht und Erfahrungen teilt, kann Angebote besser vergleichen, Risiken realistischer einschätzen und finanzielle Schritte selbstbewusster planen.“
Frauen gezielt ansprechen
Frauen in Deutschland sind finanziell schlechter abgesichert, dadurch stärker belastet und seltener Kundinnen aktiver Finanzplanung. Nicht aus Desinteresse, sondern weil Produkte, Kommunikation und Beratungsangebote ihre Lebenswirklichkeit nicht abbilden.
„Unternehmen, die Frauen gezielt ansprechen– mit verständlichen Angeboten, digitalen Zugangspunkten und einer Kommunikation ohne Scham – erschließen nicht nur eine unterversorgte Zielgruppe. Sie leisten einen messbaren Beitrag zur finanziellen Gleichstellung“, so Astrid Drechsel-Grau.


Methodik
Die Consors Finanz‑Studie wurde in Deutschland unter Personen im Alter von 18 bis 74 Jahren durchgeführt. Die Erhebung erfolgte vom 5. bis 9. Februar 2026 als eBUS‑Online‑Befragung in Zusammenarbeit mit Nielsen IQ. Die Stichprobengröße betrug n = 1.005. Darunter 50 Prozent Frauen und 50 Prozent Männer.
